06. April 2005, 13:34 Uhr, megMein Leben als SchimmelpilzUntertitel: Gammeln als zeitgenössische Existenzgrundlage
Die Proklamation eines Hilfeschreis möchte ich an dieser Stelle tunlichst vermeiden. Allzu leicht wird man sonst in den brodelnden Topf der ewigen Nörgler geworfen. Wenn ich also im Folgenden schreibe, dass das Leben ein stinkender Sumpf und die Menschheit ein parasitäres Flechtengewächs ist, dann meine ich das nicht zwingend in einem minder wohlmeinenden Sinn. Es ist mehr eine Art von leicht konsternierter Feststellung, frei von jeder Polemik, versteht sich. Ich selbst zähle mich ja zur weitverbreiteten Gattung des gemeinen Schimmelpilzes. Wie Schimmel bevorzuge ich ein warmes, feuchtfröhliches Klima, gedeihe in der allgemeinen Unaufmerksamkeit und mache die Leute ganz krank durch meine blosse Anwesenheit. Und wie die meisten Pilzgewächse, die einmal irgendwo Fuss gefasst haben, bewege ich mich in letzter Zeit kaum noch bis eigentlich gar nicht mehr. Keine Ambitionen, keine Ziele, kein Antrieb zu überhaupt nichts. Als hätten sich alle hohen und noblen Ziele der bewegten Jugend in Zigarettenrauch aufgelöst, vegetiere ich im Dunste meiner kreisenden Gedanken vor mich hin und warte – um den Vergleich mit dem Schimmelpilz aufrechtzuerhalten – aufs Abkratzen.
Es ist ja auch nicht so, dass mein Dasein als Schimmelpilz etwas grundsätzlich Schlechtes wäre. Schliesslich befinde ich mich in der allerbesten Gesellschaft. Künstler, Denker, Unternehmer und vor allen Dingen Politiker pilzen dieser Tage an der Peripherie des Geschehens vor sich hin, lassen hier und dort zwar ein Quäntchen warme Luft ab, geben sich sonst aber eher bedeckt und tun so, als wären sie gar nicht da. Ja, man fragt sich zuweilen wirklich, ob es irgendjemandem auffallen würde, wenn Kabinette und Konferenzräume einfach leer blieben, einzig verwaltet von einer dünnen Schicht grünen Flaums. Wahrscheinlich würde es überhaupt keinen Unterschied machen und wahrscheinlich würde es auch gar niemanden interessieren – abgesehen vielleicht von der Marginalität, die aus unerfindlichen Gründen immer noch von ihrem Wahlrecht Gebrauch macht. Die grauen Massen unterliegen unlängst der globalen Verpilzung und jeder denkt sich heimlich: Was geht’s mich an? Verübeln kann man uns diese zur Kunstform kultivierte Teilnahmslosigkeit ja wirklich nicht. Sie wird uns schliesslich von allen Seiten vorgelebt. Schimmel geht nicht in die Opposition. Schimmel stellt keine berechtigten Ansprüche. Schimmel ist einfach. Man schwimmt mit dem Strom – was in diesem Falle heisst: man modert mit dem Sumpf – oder man geht früher oder später unter.
Freilich ist das sang- und klanglose vor sich hin öden auf Dauer nicht wirklich befriedigend. Man wird depressiv und missmutig, um nicht zu sagen grantig, und man beginnt mit dem Gedanken zu spielen, sich von der nächsten Brücke zu stürzen. Das um wenigstens in den letzten beiden Sekunden seiner gräulichen Existenz das Gefühl von ausgeschüttetem Adrenalin wiederzuentdecken. Da aber der Suizid – Pardon: der Fungizid – natürlich keine Lösung ist und die meisten Makrameekurse und Bachblütenworkshops auf Monate ausgebucht sind, bleibt dem tödlich gelangweilten Jungsaprophyten meist nur die Flucht in die bibabunte Welt des Fernsehens, wo ihm dann gewissenhaft und gründlich die letzten eigenständigen Gedanken aus den Synapsen gewaschen werden. Das ist jetzt vielleicht der Punkt, an dem meine unpolemische Feststellung eine leichte Färbung von Unzufriedenheit annehmen könnte. Ich bitte Sie, dem weiter keine Beachtung zu schenken.
Aber es ist doch einfach schon so, dass wir früher – als das Denken noch frei und der Fernsehkonsum durch die elterliche Gewalt beschränkt war – noch etwas bewegen wollten. Da hatten wir noch Pläne von einer besseren, einer gerechteren Welt. Naive und unreife Pläne zwar, aber wenigstens hatten wir welche. Es ist die Planlosigkeit des gesellschaftspolitisch geförderten Schimmelns, die uns so apathisch werden lässt. Vielleicht hat Sybille Berg nicht ganz unrecht wenn sie sagt: ‚Immer erst nachdenken. Nachdenken hilft sehr. (...) Nach dem Nachdenken: Handeln!’ (Die Zeit, Nr. 6, 3.2.05, S.38) Vielleicht fängt es wirklich damit an, der Dame an der Kasse das Geld zurück zu geben, wenn sie zuviel herausgegeben hat. Vielleicht denken wir daran, wenn wir das nächste Mal einen Kaugummi unter den Stuhl kleben. Vielleicht – nur vielleicht – fängt die bessere Welt wirklich in jedem Einzelnen an. Vielleicht ist Glück eine reine Einstellungssache und vielleicht lebe ich einfach in einem Lilalauneland mit Feen und Kobolden, aber man könnte es doch wenigstens auf einen Versuch ankommen lassen. In diesem Sinne: Leben Sie. Egal wie, nur leben Sie.
MfG, Ihr Schimmelpilz
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20. September 2004, 17:00 Uhr, megIch habe, also bin ichMan ist, was man isst - sofern man etwas zum essen hat. Descartes ist mit seiner Grundlagenaussage 'cogito ergo sum' tragischerweise veraltet, bevor er recht in Mode kommen konnte. Denn vom Denken allein hat man schliesslich noch keine Miete bezahlt. Wer also sein will, muss zuallererst einmal etwas haben - und wer dann auch noch seine Zeit mit denken verschwenden will sowieso. Dass der Mensch aber auch ohne zu denken durchaus sein kann, wird spätestens seit der Erfindung des Satelitenfernsehens täglich evident bewiesen. Man muss es haben, um zu sein, das Schwein. Und wenn es zum Schwein nicht reicht, dann muss man schon mal mit dem Elend vorliebnehmen. Dann hat man wenigstens das und wer es erst einmal hat, das Elend, der braucht es dann auch nicht mehr herzugeben und kann es getrost, wenn auch nicht getröstet, behalten.
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05. September 2004, 23:23 Uhr, megAnzüglichIch kannte einen Menschen, der wurde von allen geliebt. Jeder wollte ihn. Und das wusste er auch. Nur er, dieser Mensch, wollte nicht jeden, sondern nur einen. Und das wusste eigentlich jeder. Und dieser eine - nun, was der wollte, das wusste wohl niemand so genau. Und er selbst am wenigsten, denke ich.
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12. August 2004, 03:17 Uhr, megSchmerzenEr hat mich nie geliebt und eigentlich habe ich es ja gewusst. Nur die Bestätigung aus seinem eigenen Mund tut unerwartet weh.
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02. August 2004, 13:22 Uhr, megTatsachenberichtHeute früh - wie überigens jeden Morgen - kam eine erbärmliche Gestalt in den Laden an der Ecke. Gelbe Fingernägel, fettige Haare, aufgesprungene Kapillargefässe, offensichtliche Demenz; gezeichnet von Alkoholsucht und dem Missbrauch von psychedelischen Substanzen also. Dieses Wrack von einem Menschen stand an der Kasse und versuchte, völlig überfordert mit den arithmetischen Grundgesetzen, seine zwei Liter Tetrapackfusel zu bezahlen. Soweit so gut, so ist die Welt nunmal. Als ihm die Dame hinter der Kasse nach dem Ausgeben des Rückgelds aber 'einen schönen Tag' wünschte, obwohl sie genau wissen musste, dass er den Rest dieses Tages mit dem Versuch verbringen wird, sein Elend in der eben erstandenen Volksdroge zu ertränken, erschien mir diese Floskel dann doch irgendwie ziemlich grotesk.
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20. März 2004, 18:36 Uhr, megFrühlingserwachenWenn es Frühling wird, schmilzt der Schnee und all die hässlichen Dinge kommen zum Vorschein, die man schon fast vergessen hatte und an die man nur ungern erinnert wird. Wie viel schöner war der Winter, als noch alles unter glitzernd weissem Tod begraben war, als sich nichts regte und einzig Stille sanft die erstarrten Fratzen des Lebenden liebkoste.
Schon pulst wieder Leben in allen Dingen und Unruhe kommt auf, ein gewaltiger Tumult, ziellos, sinnlos und übermächtig laut. Im hellen Sonnenschein gibt es kein Verstecken mehr. Alles liegt bar.
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19. Februar 2004, 16:11 Uhr, megEine LiebeserklärungWenn du die Augen schliesst und dich ganz dem Gefühl hingibst, meinen Blick auf deiner Haut zu spüren, wenn ich dann mit Fingerspitzen sanft die Züge deines Gesichts nachziehe und wenn schliesslich meine Lippen schüchtern und zögerlich die deinen finden, dann weisst du, dass ich dich liebe, dass ich wenigstens in diesem Augenblick ganz bei dir bin.
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